Von Hugo zu Hugo

Wann ist das alles eigentlich passiert? Als ich letzte Woche mein Nähzimmer ausräumte um Platz für die neue Kollektion im Dezember zu schaffen, stolperte ich über tausend Erinnerungen. Wie viele Stunden habe ich in diesem Zimmer, an diesem Tisch verbracht? Vor weniger als einem Jahr habe ich überlegt, ob ich das Nähen der Rucksäcke tatsächlich abgeben kann - oder ob ich es doch lieber weiterhin selbst mache. Habt ihr Lust auf ein kleines Throwback?

 

Am 01.07.2017 habe ich mit der drei Monate alten Anna in der Trage mein Gewerbe angemeldet. Oskar war im Kindergarten. Ich nähte in meiner Freizeit Windeltaschen und wollte die über meinen eigenen Onlineshop verkaufen. Dawanda kam für mich nicht in Frage, da waren ja die Leute mit den Eulenstoffen unterwegs und davon wollte ich mich abgrenzen #eulenfrei. Ich setzte also über ein einfaches Baukastensystem eine Website auf, erstellte ein Instagram und ein Facebook Profil und verkaufte auf diesem Weg ein paar Windeltaschen. Im Oktober 2017 nähte ich meinen ersten Wickelrucksack, nannte ihn spontan "Hugo" und stellte ihn für 99,- € in meinen Shop. Waren ja nur 20 Stunden Arbeit gewesen. Dann passierte erstmal lange nichts. 

 

Am 12.02.2018 bestellte jemand diesen Rucksack. Ich weiß es noch wie gestern. Mit Anna war ich bei einer Freundin zum Kaffeetrinken und plötzlich piepte mein Handy. Panik, ich hatte kein Schnittmuster und wollte eigentlich ungern meinen einziges Exemplar verschicken. Warum ich ihn dann überhaupt in den Shop gestellt habe? Um zu zeigen, was ich kann. Um ein "Premium-Produkt" dabei zu haben. Wir haben zu hause monatelang gewitzelt, dass den niemals jemand bestellt. 

"Müde, kein Bock, alles doof. Ich stand vor meiner ersten Krise. "

Dann war es aber passiert und ich setzte mich an meine Nähmaschine und nähte einen zweiten Hugo, tagelange, ab in die Post damit, verschnaufen. Am 17.02.20.18 wurde der nächste Hugo bestellt. Und dann am 26.02.2018. Und am 27.02. und am 01.03. sogar drei Stück. Und so ging es über hundert mal. Ich rotierte und baute auch viel Mist. Die Abläufe waren ineffizient, ständig fehlte Material und ich musste z.B. schnell in die Stadt fahren um einen Reißverschluss zu kaufen. Die Lieferzeit von drei Wochen konnte ich nur mit Mühe und Not einhalten. Ich sag es wie es ist: das hat nicht immer Spaß gemacht. Manchmal habe ich es gehasst, abends noch an die Nähmaschine zu müssen. Dann kam eine Reklamation, weil ich bei der Verarbeitung Fehler gemacht hatte. Müde, kein Bock, alles doof. Ich stand vor meiner ersten Krise. 

Ich entschied mich, das Nähen der Rucksack-Innenfutter an die AWO im Nachbarort abzugeben. Damit war schon mal ein Drittel der Arbeit an einem Rucksack gespart und ich brauchte noch ca. drei Stunden für einen Hugo. Zu lang. Ich war immer noch gestresst und meine Elternzeit bald vorbei - wie sollte das gehen? Ich musste den Shop schließen oder eine Lösung finden. Also schrieb ich im Sommer 2018 die ersten Textilproduzenten an mit der Bitte, mit mir meinen Hugo zu einem serienreifen Wickelrucksack weiterzuentwickeln. Die meisten antworteten gar nicht, viele Gespräche endeten bei dem Thema Mindestabnahme. Nein, ich wollte keine 10.000 Stück produzieren lassen, sondern eher so hundert. Zudem wollte ich keine asiatische Produktion und mein Design so beibehalten. Also weiter recherchieren und Anfragen schreiben. Wieder passierte lange nichts, ich wurschtelte mich durch und biss die Zähne zusammen.

 

Am 12.12.2018 nahm ich das Angebot eines Taschenproduzenten in Bielefeld an. Es ging um die Entwicklung eines ersten Prototyps meines Wickelrucksacks Hugo, Kosten 2.200 Euro, noch keine Produktion. An dem Tag musste ich mich entscheiden, ob "Anna und Oskar" mein Hobby oder meine Zukunft ist. Ich weiß noch, wie ich im Flur bei uns mit dem Telefon in der Hand herum sprang und schrie, wie eine unglaubliche Last von mir fiel, wie frei und glücklich ich mich fühlte. Ich hatte keine Angst.

"An dem Tag musste ich mich entscheiden, ob "Anna und Oskar" mein Hobby oder meine Zukunft ist."

Was dann folgte waren Monate des Wartens und "irgendwie Weitermachens". Fahrten nach Bielefeld, Testphasen, Prototypen hin und her schicken und hier und da immer wieder was Verändern. Materialien kennenlernen und bewerten, Entscheidungen treffen. Ich befragte immer wieder über Instagram andere Eltern und jeden, den ich zu fassen bekam: was wünschst Du dir von einem Wickelrucksack, was nervt dich an deiner Wickeltasche? Jedes Feedback zu meinen "alten" Rucksäcken war so wertvoll. Noch bis April 2019 nähte ich jeden Hugo, der bestellt wurde, selbst bei mir zu Hause. 

 

Am 04.06.2019 launchte ich Hugo 2.0. Vielleicht kann sich der ein oder andere an meine Story auf Instagram erinnern, als ich mit Tränen in den Augen die Lieferung der Spedition entgegennehme - bis zum Schluss war es unklar, ob wir den Zeitplan einhalten können. So viele warteten auf den neuen Hugo. So viel Hoffnung auf einen großen Tag. Was, wenn keiner kauft? Was, wenn  die Leute ihn nicht mögen? Bis zuletzt hatte ich Zweifel, bin aber einfach trotzdem weitergegangen. Wir verkauften dreimal mehr Hugos als erwartet an dem Tag.

 

Das Feedback einige Wochen später war überwältigend. Hugo 2.0 schlug ein wie eine Bombe, wurde weiterempfohlen, geliebt und auf Social Media geteilt. Ich habe gerade geschaut, unsere aktuelle Retourenquote beträgt unter 3 Prozent. Jeden Tag bekomme ich Nachrichten, wie glücklich die Menschen mit meinem tollen Rucksack sind - jede einzelne bewahre ich auf und ziehe daraus all meine Motivation. In drei Wochen kommen Hugo Mini und die Wickeltasche Greta in den Shop und ich freue mich wieder auf diese spannende Phase. Bin schon gespannt, was ich nächstes Jahr um diese zeit hier in den Blog schreibe. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Elvira (Montag, 11 November 2019 21:59)

    Du hast den Werdegang so toll beschrieben, mit jeder Zeile spürt man deine Qual, die Freude, den Frust, dein Jubeln, Weinen und wieder Deine Motivation weiterzumachen. Ich habe Dich von Anfang an begleitet und ich weiß, dass es teilweise viel schlimmer war aber Dein "Nicht aufgeben", dein Ehrgeiz, Deine Idee, Dein Projekt weiterzubringen, zum Erfolg zu führen, hat sich am Ende bewährt. Weiterhin viel Erfolg und Spaß mit Deinen Projekten und deiner Community, die Dich so liebt und Dir folgt weil Du bist wie Du bist �

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