Die Sache mit der Geduld

 Das mit der Geduld ist so eine Sache. Man braucht sie eigentlich immer und doch haben alle zu wenig. Schmerzhaft musste ich erfahren, wie lange Dinge dauern können und das nicht jede Idee sofort umsetzbar ist. Wie ich das gelernt habe und was mir diese wirklich unangenehmen Erfahrungen letztendlich gebracht haben, ist mir erst in den letzten beiden Wochen klar geworden. 

Die Odyssee von der Idee zum Liefertermin

Produktentwicklung hört sich ja erstmal spannend an.  Ich sehe mich an einem großen Tisch mit einer Schnitt-Technikerin und Vertretern des Produzenten. Meine Zeichnungen und genähten Mustertaschen in der einen Hand, einen Fächer mit Materialproben in der anderen Hand. Wir diskutieren angeregt, ob wir die Cordura 560 oder 1100 für die Außenhaut des Rucksacks verwenden sollten, über Robustheit, Abrieb- und Waschverhalten. Und natürlich über Kosten. Wir messen nochmal nach, ob das Reißverschlussfach am Rücken lieber 0,5 cm länger sein sollte, damit ein Iphone 8 hineinpasst. Es wird verglichen und getestet, mit dabei immer die Ergebnisse der Instagram-Umfrage mit den Wünschen und Vorstellungen der Eltern, die das Produkt am Ende benutzen werden. Auch jedes Feedback zu der ersten Generation von Wickelrucksack Hugo fließt in die Überlegungen mit ein, ich habe jede E-Mail und jede Bewertung dabei. Und natürlich meine eigenen Vorstellungen von "meinem" Produkt, von "meinem" Hugo. Kreative Menschen im Erschaffungsmodus. Hört sich wirklich spannend an. War es auch. Allerdings waren das nur zwei Stunden eines sechs Monate dauernden Prozesses. 

"Am Anfang steht immer ein Gedanke."

Am Anfang steht immer ein Gedanke. Wenn man dann ins Handeln kommt, wird daraus schnell eine Idee und als nächstes ein Projekt. Und da ich jemand bin, der immer sofort alles in Angriff nimmt, war das Projekt schnell da. Das "Anfangen" ist mir schon immer leicht gefallen, sofort sprudeln tausend Möglichkeiten aus mir heraus und ich bin mit meinen Gedanken schon weit in der Zukunft, bevor überhaupt irgendetwas passiert ist. Vorteil: man traut sich, loszulegen. Nachteil: man hat die ganze Motivation schon zu Beginn verbraten und muss dann warten. Und zwar lange. Es gibt Dinge, die dauern so lange wie sie dauern. Sehr weise. Aber leider wahr. Wenn ich zwischen jedem Prototypen 6-8 Wochen warten muss, dann ist das ein Fakt. Wenn die Lieferung der von mir gewünschten Druckknöpfe vier Wochen dauert, ist das ein Fakt. Wenn die Schnitt-Technik nach 15 Jahren auf eine neue Software umstellt und alle Projekte zwei Wochen nach hinten schiebt, ist das ein Fakt. Daran hat niemand Schuld, man muss es nur einfach einsehen und aushalten. Und damit hatte ich mein erstes echtes Learning in diesem Entwicklungszyklus: alles dauer immer länger als geplant. Das ist schwer auszuhalten, besonders wenn man schon überall verkündet, dass und wann es ein neues Produkt geben wird. Es wird jetzt wohl klappen mit Mai, aber dieser Termin hat mich ganz schön Nerven gekostet.

"Und dann warte ich. Ganz freiwillig. "

Ich tue mich schwer mit der Frage, ob es ein Fehler war, so früh mit der Idee des Hugo 2.0 raus zu gehen. Bereits im Dezember 2018, als ich mein erstes Telefonat mit meinem heutigen Produktionspartner Halfar hatte, konnte ich mich nicht zurückhalten und musste sofort alles in den Instagram Stories erzählen. Und so ging es die ersten Monate des Jahres weiter. Jeder Termin, jeder Prototyp wurde öffentlich diskutiert. Jetzt warten alle ungeduldig und es zieht sich langsam. Einige werden abspringen, sich umentscheiden oder können einfach nicht so lange warten, weil sie die Tasche eben jetzt brauchen. Andererseits habe ich durch diese Transparenz vielleicht auch ein paar Menschen gefunden, die genau deshalb den Hugo 2.0 haben möchten. Mühsam. Ich glaube, ich konnte gar nicht anders, als es sofort zu erzählen. Und wahrscheinlich würde ich es wieder so machen. Na ja, vielleicht sechs Wochen später ;-)

 

Was kann ich jetzt Positives daraus ziehen? Während dieser sechs Monate Entwicklung hatte ich ungefähr 23.751 neue Ideen für andere Produkte und Projekte. Die schreibe ich zunächst auf, bevor ich davon erzähle. Und dann warte ich. Ganz freiwillig. Fühlt sich die Idee nach einer Woche immer noch gut an? Nach drei Wochen? Wäre das Projekt die Zeit und die finanzielle Investition wert? Und wie lange würde das Ganze dauern? Viele Gedanken zerschlagen sich auf diesem Weg wieder und das ist auch gut so. Es geht nicht alles auf einmal. Ich habe endlich gelernt, langfristig zu denken. Was macht es in drei Jahren für einen Unterschied, ob Hugo 2.0 im April oder im Mai auf den Markt kam? Ob ich zehn Kunden verloren oder zehn gewonnen habe? Diese Gedanken helfen mir und entspannen die Situation. Denn: alles ist eine Phase. 

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