Warum so viele scheitern

Heute ist mir klar geworden, warum so viele scheitern. Und warum auch ich mit meiner Idee scheitern könnte. Was ist eigentlich das Problem, wenn man sich mit einem eigenen Produkt selbstständig machen will?

Ein eigenes Produkt auf den Markt bringen

Informiert man sich im Internet zu den Themen Selbstständigkeit, Unternehmertum und Existenzgründung findet man vor allem zwei Bereiche: Handwerk und Dienstleistungen. Menschen, die ein eigenes, neues Produkt kreieren und es dann in Serie anfertigen lassen, sieht man eher selten. Vielleicht mal bei "die Höhle der Löwen" und später dann reduziert auf dem Wühltisch bei Rossmann. Irgendwie scheinen alle großen Firmen schon immer dagewesen zu sein und irgendwie scheint es alles schon in irgendeiner Form zu geben. Man muss eine Nische finden, ein extrem gutes Produkt entwerfen und dann das Geld und Durchhaltevermögen für die Umsetzung mitbringen. So die Theorie.

 

Über diese Dinge habe ich mir keine Gedanken gemacht, als ich Ende 2017 meinen ersten Wickelrucksack nähte. Ich wollte meine Windeltaschen und Babydecken verkaufen, keine Rucksäcke. Den Wickelrucksack habe ich nur aus einem einzigen Grund genäht: weil ich so einen Rucksack haben wollte und Spaß daran hatte. Und ich habe ihn aus nur einem einzigen Grund fotografiert und in meinen Onlineshop gestellt: um meinen Kundinnen und Kunden zu zeigen, was ich kann. Vor 1,5 Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ich auch nur einen einzigen Wickelrucksack verkaufen werde. Wir nannten den ersten Hugo "das Aushängeschild" im Shop, bestellt wurden aber nur die Windeltaschen. Und dann saß ich mit dem kleinen Oskar bei meiner besten Freundin auf dem Teppich und plötzlich kam die E-Mail, dass jemand den Wickelrucksack bestellt hatte. Wir konnten es nicht fassen. Ich hatte kein Schnittmuster und habe über eine Woche gebraucht, um mein Exemplar zu duplizieren. Dann kam nach ein paar Wochen die nächste Bestellung. Und so fing alles an.

 

Durch meinen Bekanntenkreis und meine Aktivitäten auf Instagram kamen immer neue Bestellungen und ich begann 2018, mich nach Hilfe umzusehen.  Zunächst über eine Zusammenarbeit mit den AWO Behindertenwerkstätten, was bis heute super funktioniert. Doch die konnten leider keinen Wickelrucksack für mich nähen. Ich brauchte mehr Unterstützung. Bis hierhin dachte ich noch, mit der richtigen Einstellung klappt alles. Erfolg ist so ein Mindset-Ding. Man muss einfach dran bleiben. Es gibt wirklich keinen einzigen Tag, an dem ich nichts für "Anna und Oskar" tue und sei es nur eine E-Mail schreiben oder was über Buchhaltung nachschlagen. Ich dachte, mit dieser Power komme ich immer weiter. Doch an dem Tag, an dem ich entschieden hatte, den Rucksack nicht mehr selbst zu nähen sondern ihn in Serie produzieren zu lassen, veränderten sich die Bedingungen. Und ich dachte in meiner Euphorie wirklich, das Ganze wäre kein großes Problem.

"Bis hierhin dachte ich noch, mit der richtigen Einstellung klappt alles. "

Caro mit Hugo 1.0, März 2018

Wie kommt man an eine Serienproduktion?

Ich begann zu recherchieren und zu telefonieren. Ich fragte andere faire Taschenlabels an, wo Sie produzieren lassen. Bat um Termine oder eine kleine Auskunft. Man muss dazu sagen, dass ich mit der Textilbranche zuvor keinerlei Berührungspunkte hatte. Ich startete bei Null, mit Laptop abends am Esszimmertisch und fragte und fragte und fragte. Von den Wenigsten erhielt ich eine Antwort. Und wenn, dann war es eine standardisierte Absage, in etwa: "wir sind derzeit nicht an einer Produktion mit Ihnen interessiert". Ich telefonierte mit Menschen, die so schlecht Englisch sprachen, dass aus Hugo 2.0 sicher eine Kühltasche geworden wäre, bei den vielen Missverständnissen. Einmal sah es ganz gut aus und ich sah mich schon die Verträge unterschreiben. Aus einer Ahnung heraus googlete ich den Firmensitz und sah, dass die Firma, die mit "jahrzehntelanger Branchenerfahrung" und "technologischer Expertise" warb, ihren Firmensitz in einem Wohnhaus in irgendeinem süddeutschen Kaff hatte. Als ich meinen zuständigen Vertriebspartner (der auch der Inhaber war, wie sich herausstellte) darauf ansprach, wurde er zickig und meinte, wir sollten besser keine Geschäfte machen, wenn ich so misstrauisch wäre. 

 

Bei all dem saß mir die Zeit im Nacken. Meine Elternzeit endete bald, ich hatte Stress mit dem Nähen, brachte es aber auch nicht übers Herz, den Wickelrucksack aus dem Shop zu nehmen. 

 

Ende 2018 vereinbarte ich einen Termin bei einem deutschen Produzenten für technische Taschen. Ich durfte "mal kommen". Ich kann mich gut erinnern, wie ich mit dem Telefon in der Hand durch den Flur bei uns zu Hause gesprungen bin und sofort meinen Mann anrief, der natürlich erstmal nur Bahnhof verstand. Ab dann lief es. Die Zusammenarbeit ist fruchtbar und fair. Wir teilen die gleichen Werte. Wir kommunizieren auf kurzem Dienstweg und deren Know-How in der Schnitt-Technik ist phantastisch. Also warum jetzt noch scheitern?

"Also warum jetzt noch scheitern?"

Die erste große Hürde, an der ich fast gescheitert wäre, sind die Entwicklungskosten. Keine Firma entwickelt mit dir ein Produkt zum Spaß. Viele Menschen sind viele Stunden lang in diesen Prozess involviert und das alles kostet Geld. Zudem ist diese erste finanzielle Hürde nicht ganz unsinnig: die Produzenten sieben damit aus, wer es wirklich ernst meint. Warum sollten die Firma mit Frau Meier aus Hintertupfingen monatelang an einer Tasche arbeiten, wenn die sich dann nach 3 Monaten doch dafür entscheidet, lieber wieder halbtags in den alten Job zurückzukehren. Und selbst diese Hürde ist noch nicht hoch genug, denn viele Start-Ups fragen an, zahlen diese Entwicklungskosten und haben dann am Ende kein Geld, um das serienreife Produkt produzieren zu lassen. Hart, aber wahr. Und um das klar zu stellen: diese Kosten decken nur einen Teil dessen, was die Entwicklung tatsächlich kostet. Es haben also beide Seiten ein Interesse daran, dass es danach zum Auftrag kommt. 

Diese Hürde habe ich aus dem Bauch heraus einfach genommen. Hab das Geld mit klopfendem Herzen überwiesen und bin drauf eingestiegen. Ich hab natürlich mit meinem Mann darüber gesprochen, aber der meinte nur: "Mach. Wenn Du da ein gutes Gefühl hast, mach!". Er hat so getan, als wäre es keine große Sache. Und mir damit die Sicherheit gegeben - nicht, dass ich es schaffen kann, sondern dass es nicht schlimm ist, wenn es nicht funktioniert. Also nochmal: warum jetzt noch scheitern?

Weil jetzt das Spiel für die Erwachsenen beginnt. Auf das ich nicht vorbereitet war und das mich wirklich an manchen Tage verzweifeln lässt. Was ist die Crux bei einer Serienanfertigung? Es ist die Serie. Du möchtest ein Produkt verkaufen, z.B. einen Bleistift. Du kennst den Markt und weißt, dieser Stift darf maximal 5,00 € kosten, sonst kauft ihn kein Mensch. Irgendwo ist einfach eine Grenze, wenn Du nicht Prada oder Dolce&Gabanna drauf schreiben kannst. Jetzt weißt Du zudem von deinem Steuerberater und deinem Buchhalter, dass Du diesen Stift nicht teurer als für 2,00€ einkaufen darfst. Denn Du musst ihn verpacken und versenden, Paypal bezahlen, deine Steuern bezahlen, deine Krankenversicherung, deine Website, deine Werbepartner, deine Miete.

 

Jetzt ist es aber so, dass sich der Einkaufspreis für dich an der Abnahmemenge orientiert. Je mehr Du kaufst, desto günstiger wird es. Denn auch der Produzent muss es verpacken und versenden, Steuern bezahlen usw. Er kann die den Stift nur dann für 2,00€ anbieten, wenn Du 10.000 Stück kaufst. Wenn Du nur 5.000 kaufst, kostet er 3,00€ und wenn Du 1.000 bestellst, kostet er 4,00€. Deshalb können bestehende, große Marken den Stift für 5,00 € anbieten - weil sie ihn für 2,00 € eingekauft haben. 

 

"Was ist die Crux bei einer Serienanfertigung? Es ist die Serie."

Was passiert jetzt? Du hast kein Geld, um die höchste Abnahmemenge zu bestellen und vor allem: was sollst Du mit den ganzen Stiften, wo du doch aktuell nur eine Handvoll Kunden hast? Du kannst auch nicht die niedrigste Menge nehmen, denn dann legst Du sogar noch Geld oben drauf. Und in der Mitte? Da arbeitest Du umsonst. Mit dem zusätzlichen Risiko, dass niemand kauft, Du zur Arbeitsagentur musst und für immer tausende Bleistifte zu Hause rumfliegen hast. Und das ist genau der Punkt, an dem so viele scheitern.  

 

An genau diesem Punkt stehe ich gerade. Und habe mich entschieden, nicht zu scheitern. Ich lasse die Angst nicht zu. Ich werde härter verhandeln und mehr verkaufen. Ich werde meinen Kunden und meinen Produzenten zeigen, dass sie sich auf mich verlassen können und das mein Produkt es verdient hat, irgendwann einmal eines der Großen zu sein. Ich glaube daran, auch als Start-Up nachhaltig produzieren zu können. Ich glaube nicht an schnelles Geld. Ab jetzt spiele ich das Spiel der Erwachsenen gern mit. Ich geh wieder ALL IN.

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